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Interview mit Dr. Stephan Schmider

Dr. Stephan Schmider, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei INCLUREG, im Gespräch über das Hinhören als Forschungsstrategie

Naomi Eckhardt: Sie führen im Rahmen des INCLUREG-Projekts eine Beschäftigtenbefragung durch – was genau untersuchen Sie?

Stephan Schmider: Wir möchten herausfinden, wie Menschen mit Behinderung ihren Arbeitsalltag in Werkstätten erleben. Uns interessiert nicht nur, ob sie zufrieden sind, sondern auch, wie sie über ihre Arbeit denken, wie sie ihre Rolle sehen, welche Unterstützung sie bekommen und welche Perspektiven sie sich wünschen. Grundlage unserer Untersuchung ist das „Haus der Arbeitsfähigkeit“ – ein Modell, das Aspekte wie Gesundheit, Kompetenzen, Motivation, Arbeitsumfeld und Lebenssituation ganzheitlich zusammendenkt.

Naomi Eckhardt: Und wie gehen Sie methodisch vor?

Stephan Schmider: Wir führen insgesamt 30 qualitative Interviews mit Werkstattbeschäftigten in Deutschland, Luxemburg, Frankreich und Belgien. Unsere Interviews sind teilstandardisiert, das heißt: Wir kombinieren Skalenfragen mit offenen Gesprächsimpulsen. So bekommen wir einerseits systematisch vergleichbare Daten, andererseits tiefe Einblicke in individuelle Erfahrungen und Deutungen.

Naomi Eckhardt: Warum ist Ihnen die Perspektive der Beschäftigten so wichtig?

Stephan Schmider: Weil sie diejenigen sind, um die es im Projekt geht. Wenn man den Alltag in Werkstätten verstehen und weiterentwickeln möchte, muss man die Menschen einbeziehen, die ihn tagtäglich erleben. Unsere Interviewpartner*innen sind Expert*innen ihres eigenen Arbeitslebens. Genau diese Expertise wollen wir sichtbar machen. Deshalb setzen wir auf offene, dialogische Interviews, die mehr Raum für persönliche Sichtweisen lassen als rein standardisierte Fragebögen.

Naomi Eckhardt: Haben Sie schon erste Ergebnisse?

Stephan Schmider: Ja, 14 Interviews in Deutschland, Frankreich und Luxemburg haben wir bereits geführt. In der Auswertung sehen wir erste spannende Tendenzen: Viele Beschäftigte fühlen sich in ihrer Arbeit wohl, wünschen sich aber mehr Abwechslung – und oft auch konkretere Perspektiven auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das Thema Übergang von der Werkstatt in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis ist von allen Seiten mit vielen Hoffnungen, aber auch Unsicherheiten verbunden.

Naomi Eckhardt: Und wie geht es mit der Studie weiter?

Stephan Schmider: Wir sind derzeit mitten in der Datenerhebung und Auswertung. Es ist uns wichtig, die Interviews gründlich zu analysieren und mit den Perspektiven der Beschäftigten sorgfältig umzugehen. Parallel arbeiten wir daran, die Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie nicht nur wissenschaftlich relevant sind, sondern auch den Werkstätten und Beschäftigten einen echten Mehrwert bieten.  

Naomi Eckhardt: Was macht Ihnen persönlich am meisten Freude an diesem Forschungsprojekt?

Stephan Schmider: Einerseits die Gespräche selbst, da sie neue Perspektiven eröffnen und zeigen, wie vielfältig die Lebensrealitäten und Sichtweisen der Beschäftigten sind. Andererseits fasziniert auch die Auswertung: Wenn aus vielen Einzelaussagen langsam Strukturen, Muster und neue Erkenntnisse entstehen, merkt man, wie viel analytisches Potenzial in den Interviews steckt. Mich motiviert eben genau diese Kombination aus Nähe zum Feld und wissenschaftlicher Reflexion.

Naomi Eckhardt: Danke und viel Erfolg weiterhin mit der Forschung!

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